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Fluch oder Segen? Bose startet Verkauf von Hörgerät zum Selbstanpassen

Es hatte sich bereits angebahnt: Bose hat die US-Markeinführung für ein Hörgerät angekündigt. Bose SoundControl™ Hearing Aids seien für leichte bis mittlere Schwerhörigkeitsgrade und damit ein Drittel aller Schwerhörigen geeignet und wurden von der FDA als bis dato völlig neue Produktgruppe freigegeben. Das Besondere: Die Hörgeräte können direkt beim Hersteller erworben und ohne audiologische Begleitung selbst angepasst werden.

Bose Hörgerät Teaser

Bose-Hörgerät ist anders als erwartet

Whats in the Box: Für 849,49 $ erhält man zwei Bose Hörgeräte, offene und geschlossene Eartips, Batterien, ein Etui, ein Tool, um die Kabellänge anzupassen und eine Bürste für die Eartips.
© Bose

Whats in the Box: Für 849,49 $ erhält man zwei Bose Hörgeräte, offene und geschlossene Eartips, Batterien, ein Etui, ein Tool, um die Kabellänge anzupassen und eine Bürste für die Eartips.

Dass Bose sich an Hörgeräte-Technologien herantrauen würde, kündigte sich bereits 2018 an. Mit einem den Hearphones ähnelnden Prototyp klärte Bose gemeinsam mit der FDA die Reglementierung für ein „Direct-to-Consumer“-Hörgerät zum Selbstanpassen. Demnach rechnete man damit, die „Bose Hearing Aids“ würden – wie auch die Hearphones – aus Kopfhörern und Nackenhalter bestehen; auch Earbuds waren für manch einen vorstellbar.

Überraschenderweise schien Bose das früher Prototyp-Design noch einmal vollständig überdacht zu haben. Die ab dem 18. Mai für 849,49 $ in den USA erhältlichen SoundControl-Hörgeräte sehen aus wie klassische Hörgeräte. Dieser Schritt verdeutlicht: Bose macht ernst und zeigt Ambitionen, sich künftig fest im Hörgerätemarkt etablieren zu wollen.

Dabei geht der Hersteller jedoch einen bedeutenden Schritt weiter, als solche klassischer Hörgeräte:Bose SoundControl ist das erste Hörgerät weltweit, das durch die FDA als Medizinprodukt zugelassen wurde und dabei freiverkäuflich ist.

Kleines RIC-Gerät zum Selberanpassen

Bose Hörgerät
Das Hörgerät von Bose sieht einem herkömmlichen Hörgerät in Größe und Form zum Verwechseln ähnlich.
© Bose

Eine von Bose durchgeführte Studie verdeutliche, wie gut bei den neuen SoundControl-Hörgeräten das Selbstanpassungskonzept im Vergleich zu herkömmlichen Hörgeräten funktioniert: Die meisten Benutzer erreichten ein fast so gutes Ergebnis wie mit einer regulären Anpassung durch Hearing Care Professionals.

Wobei hier zugegebenermaßen lediglich eine geschlossene Versorgung getestet wurde – Im Umfang der SoundControl-Hörgeräte befinden sich sowohl geschlossene als auch offene Schirmchen. Dennoch überraschend: Die Testnutzer waren im Schnitt nach der Selbstanpassung mit der in der zugehörigen App integrierten Funktion CustomTune™ zufriedener als nach einer audiologischen Anpassung.

Neben dem Hörtest können – wie auch bei Hörsystemen – Nutzer-Einstellungen über eine App vorgenommen werden. Die Bose Hear App für iOS und Android bietet zwei primäre Bedienelemente: World Volume und Treble. World Volume regelt Verstärkung, Kompression und Lautstärke auf Basis von 12 Frequenzbändern. Der Treble/Bass-Regler macht den Klang heller oder dumpfer.

Großes Minus: Kein Streaming, keine Akkus

Bose geht es bei SoundControl um die reine Hörverbesserung. Demnach können die Hörgeräte zwar über das Smartphone bedient werden, Streaming von Audio geschweige denn Telefonieren ist jedoch nicht möglich. Diese Limitierung stieß jetzt schon vielfach auf Kritik: Sie rechtfertige nicht den mit 849,95 $ angegebenen Preis, der zwar für beide Geräte gelte und damit deutlich günstiger sei als bei herkömmlichen Hörgeräten, jedoch unter vergleichbaren Produkten dennoch teuer. Bluetooth-Streaming sei zudem ein Must-Have bei modernen Hörlösungen.

Außerdem werden SoundControl-Hörsysteme mit 312er Batterien, statt mit wiederaufladbaren Akkus betrieben – auch ein Rückschritt, wenngleich die Batterien laut Herstellerangaben erst nach vier Tagen gewechselt werden müssen bei 14 Stunden täglicher Nutzung.

Bose SoundControl: Nur ein besseres PSAP?

Bose Hörgerät Schale
Die Bose SoundControl-Geräte werden in einem dezenten Etui aufbewahrt, wenn sie nicht gebraucht werden.
© Bose

Sowohl von Seiten der FDA als auch von Bose selbst wird ausdrücklich empfohlen, einen professionellen Hörakustiker aufzusuchen, wenn bei der Nutzung auffällt, dass die SoundControl-Hörgeräte nicht ausreichen; Dank 90-Tage-Rückgabegarantie kann das ausgiebig getestet werden. Bose betont, dass die Geräte für leichten bis mittleren Hörverlust geeignet sind und für verbessertes Sprachverständnis insbesondere in geräuschvollen Umgebungen oder auch beim Fernsehen sorgen können. Wie stark der eigene Hörverlust ist, kann über den Hörtest auf der Bose-Seite festgestellt werden.

Hersteller von Personal Sound Amplifiers (PSAPs) mussten das Recht bisher umgehen, indem sie ihre Produkte „Hörverstärker“ oder ähnliches nannten. Anders Bose: Dank der FDA-Zulassung darf SoundControl „Hörgerät“ genannt werden, die Wirksamkeit und Sicherheit wurden klinisch erwiesen, wenngleich es abgesehen von manuell einstellbarem Sprachfokus kaum Komfortfeatures anderer Hörgeräte aufzuweisen hat.

Diese FDA-Regulierung lässt Zusammenhänge zum ausstehenden OTC-Hörgeräte-Gesetz vermuten, welches zugelassene Hörgeräte im Direktvertrieb ermöglichen soll. Dieses Gesetz soll dazu beitragen, kostengünstige und unkomplizierte geprüfte Hörlösungen anzubieten, damit mehr US-Bürgern eine sichere Alternative zu teuren Hörgeräten bekommen. Es wird jedoch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Aufnahme von Bose SoundControl als Hörgerät ein Einzelfall ist und keine neue Produktkategorie beschreibt, mit dem OTC-Gesetz demnach nichts zu tun hat.

Etablierung freiverkäuflicher Hörgeräte: Fluch oder Segen?

Bose tastet mit seinem Hörgerät zunächst nur ausgewählte Bundeststaaten in den USA ab, weitere folgen im Laufe des nächsten Jahres. Bis SoundControl auch in Europa als Medizinprodukt zugelassen wird, dürfte es dauern. Auch wenn kostengünstige, freiverkäufliche Alternativen zu Hörgeräten in Deutschland und anderen Ländern aufgrund der Krankenkassensysteme weniger relevant sein dürften, wird es interessant zu sehen sein, was in den Ländern passiert, die nicht von Krankenkassenzuschüssen für Hörgeräte profitieren. Audiologe Amyn Amlani, PhD, sieht dort einen immensen Wandel, gleichzeitig aber auch eine Chance für Hörgerätehersteller:

„Die Auswirkung des Bose-Produkts mit seinem niedrigeren Verkaufspreis, dem direkten Verkaufskanal an den Verbraucher und der Selbstanpassungsfunktion wird den größten Einfluss auf den professionellen Dienstleistungssektor haben. Die Anbieter werden gezwungen sein, nicht nur ihr Wertversprechen, sondern auch ihr Geschäftsmodell zu überdenken. Aus Sicht der Industrie ist zu erwarten, dass traditionelle und nicht-traditionelle Hersteller diesem Beispiel folgen werden. Die Zeit wird zeigen, wer das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hat.“

Fazit: Die Grenzen verschwimmen

Überraschend ist, dass die Marke Bose als Consumer Electronics-Marke ausgerechnet mit einer Hörlösung im Hörgeräte-Stil daherkommt, während sich bei anderen Anbietern wie Nuheara und Olive der Earbud Charakter festigt, wie auch jüngst in der Übernahme von Sennheiser durch Sonova zu sehen war. Das Rennen scheint sich mehr und mehr zu öffnen: Hörgerätehersteller mit ihrem audiologischen Know-How sehen das Earbuds Potential, während Consumer Electronics-Hersteller sich mit bestehenden Produktkonzepten in einer großen Zielgruppe etablieren wollen, die sich unkomplizierte und situative Hörverbesserungen wünscht.


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