OTC-Hörgeräte: Diese Modelle gibt es

OTC-Hörgeräte: Diese Modelle gibt es

Welche rezeptfreien Hörgeräte gibt es? Und was sagen Kritiker?

Seit einem Monat gelten die neuen Regelungen für rezeptfreie Hörgeräte in den USA. Erste sogenannte„Over-The-Counter Hearing Aids“ sind bereits auf dem US-Markt: Geräte der Hersteller Lexi (Bose), HearX, Eargo oder Sony sind nun bei Walmart, Costco oder auf Amazon erhältlich. Andere Unternehmen wie Starkey oder Nuheara stehen mit ihren OTC-Lösungen in den Startlöchern.

Und die Formenvielfalt der neuen Hörgerätekategorie bewegt sich – wie auch bei traditionellen Hörgeräten – zwischen völlig unsichtbaren Im-Ohr-Lösungen, klassischen Hinter-dem-Ohr-Geräten und Earbud-Lookalikes. Welche Bauform macht wohl das Rennen? Oder laut Kritikern: Wird überhaupt ein Rennen stattfinden?

So ganz einig sind sich die Hersteller noch nicht, wie die OTC-Lösung aussehen soll. Nachvollziehbar, bei einer solch jungen, verheißungsvollen neuen Produktkategorie. Es geht um nicht weniger als die Erschließung eines potenziell riesigen neuen Marktes: 28,8 Millionen US-Bürger kämen theoretisch für OTCs in Frage.

OTC-Hörgeräte als unsichtbare Im-Ohr-Lösungen

Auf Nummer sicher: Die beliebteste Bauform bei den OTC-Herstellern ist aktuell das IdO. Von links nach rechts: Eargo 6, Lucid Hearing Fio, Sony CRE-C10, Go Hearing Go Lite.

Im-Ohr-Hörgeräte, möglichst unsichtbar, sind der Wunsch eines jeden Erstversorgten, weiß man aus der Praxis. Dem Wunsch wollen die Hersteller nun auch in der OTC-Kategorie nachkommen: Wohlwissend, dass das vermeintliche Stigma Hörverlust gerade unversorgten Schwerhörigen ein Dorn im Auge ist, versprechen die Hersteller Eargo, Lucid Hearing, Go Hearing und Sony mit ihren Lösungen unsichtbares Hören. Von 199 $ (Go Hearing Go Lite), über 999 $ (Lucid Hearing Fio und Sony Self-Fitting CRE C10) bis 2650 $ (Eargo 6) fürs Paar wird jede Budgetklasse bedient.

Abgesehen vom Sony-Modell ist übrigens jedes dieser Im-Ohr-Hörgeräte wiederaufladbar – samt mobilen Charging Cases und vernünftiger Akkulaufzeit. Bluetooth-Streaming hingegen wird flächendeckend nicht unterstützt.

Never change a running system: Hinter-dem-Ohr-OTCs

Bewährt: Zwei Hersteller setzen auf die traditionelle Hinter-dem-Ohr- bzw, RIC-Bauweise. Von links nach rechts: Lexie powered by Bose B1, Lexie powered by Bose B2, Lexie Lumen, Jabra Enhance Pro 10.

Hinter-dem-Ohr-Bauformen, zu welchen wir in diesem Fall auch kleine RIC-Geräte zählen, scheinen etwas weniger beliebt zu sein. Insbesondere Jabra und Lexie bieten HdO-OTCs an. Lexie startet zugleich einen neuen Versuch, das Bose-Hörgerät an den Mann zu bringen, das vor einem Jahr als FDA-zertifiziertes Self-Fitting-Hearing-Aid gefloppt ist. Bose hatte sich aufgrund von Restrukturierungen überraschend aus dem Markt verabschiedet. Nun liegt die Bose-Lizenz bei Lexie: Lexie powered by Bose ist als wiederaufladbares RIC für 999 $ und als batteriebetriebenes RIC für 849 $ erhältlich. Das hauseigene Lexie Lumen für 799 $ stellt als Hinter-dem-Ohr-Ableger mit dickem Schallschlauch eine etwas preiswertere, aber sicher nicht die eleganteste Lösung für einen leichten bis mittleren Hörverlust dar. Keines dieser Geräte unterstützt Bluetooth-Streaming.

Das Jabra Enhance Pro 10 hingegen profitiert durch die Nähe zur Hörgeräte-Schwesterfirma ReSound – beide gehören zum GN-Konzern – von bewährter Hörtechnologie. Außerdem ist es bluetoothfähig und kann zum Musikhören und Telefonieren genutzt werden. Diese Extras haben jedoch ihren Preis: Ab 1799 $ sind die Jabra Enhance Pro 10-OTCs exklusiv bei Costco erhältlich.

Earbud-Hörgeräte: Die Zukunft der OTCs?

Auffällig unauffällig: Earbud-Hörgeräten wird große Zukunftsfähigkeit zugesprochen. Von links nach echts: Jabra Enhance Plus, Sony CRE-E10, HP Hearing Pro.

Die dritte Bauform wurde von der traditionellen Hörgeräteindustrie in den letzten Jahren als besonders zukunftsfähig bezeichnet: Die Earbud-Lookalikes. „Discreetness can be hiding-in-plain-sight“, begründete die US-amerikanische Audiologie-Chefin Laurel Christensen des Hörgeräteherstellers GN einmal diesen Paradigmenwechsel: Diskretion kann Verstecken in der Öffentlichkeit bedeuten.

Es überrascht deshalb auch nicht, dass die GN-Tochter und Kopfhörermarke Jabra neben der traditionellen Bauform ein solches Earbud-OTC-Hörgerät auf den Markt bringt: Jabra Enhance Plus spricht diejenigen Menschen an, die sich zusätzlich zum Hören noch HiFi-Sound und Lifestyle-Features wünschen – 799 $.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Sony bei seinem CRE-E10-Hörgerät. Durch die Kooperation mit WS Audiology hat der Elektronikhersteller ebenfalls einen Hörgerätekonzern im Rücken und die OTCs sind ebenfalls bluetoothfähig und wiederaufladbar. Sie kosten 1399 $.

Der dritte Earbud-Lookalike-Hersteller im Bunde ist Nuheara. Das australische Unternehmen etabliert sich bereits seit einigen Jahren als Experte für Kopfhörer-Hörgerät-Hybriden und nutzt nun die Gunst der Stunde, um eines seiner Geräte als OTC-Gerät auf den US-Markt zu bringen. Dazu hat Nuheara sich die Lizenz der bekannten Traditionsmarke HP gesichert: HP Hearing Pro ist für 699 $ erhältlich, bluetoothfähig und wiederaufladbar.

OTC-Hörgeräte: Welche Bauform gewinnt?

Auch wenn es vielen der Hersteller in erster Linie wichtig gewesen sein dürfte, von Anfang an dabei zu sein, lässt dieser Startschuss bereits Vermutungen zum weiteren Verlauf zu. Rein quantitativ scheinen unscheinbare Im-Ohr-Lösungen das Rennen anzuführen.

Und angesichts aktueller Fortschritte bezüglich der Miniaturisierung wiederaufladbarer Akkus und Bluetooth-Technologie sind die kleinen Im-Ohr-Geräte zunehmend konkurrenzfähig gegenüber den größeren Hörgeräte geworden.

Schließlich erfüllen unsichtbare Hörlösungen den Wunsch der meisten Erstversorgten nach Diskretion. Einen großen, insbesondere klanglichen Vorteil hat allerdings die deutlich sichtbarere Earbud-Lösung: Mehr Platz für HiFi-Technik und Bluetooth.

Kritische Stimmen erwarten OTC-Misserfolg

Das Rockefeller Institute of Government in New York äußerte sich vor kurzem zu den neuen OTC-Regularien. Kaitlin Stack Whitney, Assistenzprofessorin in der Abteilung für Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft, stimmt zu, dass die Kategorie zumindest angesichts des geringeren Preises das Potenzial habe, die Versorgungslücke bei Menschen mit leichter bis mittelgradiger Schwerhörigkeit zu schließen.

Allerdings gelte das nur für manche Personengruppen. Menschen mit stärkerer Hörbeeinträchtigung oder Kinder hätten nichts davon und seien weiterhin unzureichend abgedeckt durch einen Flickenteppich staatlicher Gesetze und Pläne. Zudem sieht sie die Diagnosen durch die Selbsttests problematisch, welche oft verwirrend und zu vage seien und keine auswertbaren Audiogramme liefern würden. Und apropos Flickenteppich: Branchenexperte Ph. D. Thomas A. Powers wies bei seinem Vortrag am diesjährigen EUHA-Kongress darauf hin, dass Hörtests immerhin in einigen Bundesstaaten verpflichtend sein können.

Whitney befürchtet sogar, dass die OTC-Verfügbarkeit das Stigma Hörverlust, Taubheit, Behinderung aufrechterhalten oder verstärken könnte, wenn es nicht gelinge, die zugrundeliegenden sozialen Barrieren zu beseitigen. Und was, wenn dieser erste Berührungspunkt mit Hörlösungen nicht die gewünschte Hörverbesserung mit sich bringt?

Oticon und Starkey sind gegen rezeptfreie Hörgeräte

Diese und weitere Gründe lassen auch Hersteller traditioneller Hörgeräte an der OTC-Kategorie zweifeln. Oticon beispielsweise hat sich deshalb vorerst dagegen entschieden, ein rezeptfreies Hörgerät auf den Markt zu bringen. Gary Rosenblum, President, Oticon, Inc. begründet in einem offiziellen Statement: „Wir glauben stark daran, dass Schwerhörigkeit eine gesundheitliche Beschwerde ist, die von einem Spezialisten behandelt werden sollte, der hochwertige medizinische Gerätetechnik verwendet.“

Der Hersteller Starkey hingegen, der sich bereits vor einem Jahr aus ähnlichen Gründen bedenklich zur kommenden OTC-Kategorie äußerte, wird bald eine solche Lösung auf den Markt bringen – wenn auch widerwillig: „OTCs sind keine Hörgeräte. Diese Geräte passen nicht zur Starkey-Philosophie, aber wir werden sie herstellen. Sie werden eine weitere Option für unsere Patienten sein“, sagt Starkey-President und -CEO Brandon Sawalich. Dabei schlagen die Bedenken in dieselbe Kerbe: „Das Problem ist, dass es keine Hörgeräte sind und das dem Ruf echter Hörgeräte schaden wird. Und dann wird die Patientenzufriedenheit sinken.“

Fakt ist: Es beginnt nun eine spannende Zeit, in der sich das Bewusstsein für Schwerhörigkeit, für Hörgeräte, der US-amerikanische Hörgerätemarkt an sich und damit schließlich irgendwann auch unser deutscher Markt nachhaltig verändern könnte – oder auch nicht. Das erklärte Ziel der Regierung war es, durch weniger kostspielige Hörlösungen mehr Menschen zur Versorgung zu bewegen. Ob und wie das gelingt, werden wir sehen.


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