Können Hörgerät und Cochlea-Implantat vor geistigem Abbau im Älter schützen?

Veröffentlicht am 07.03.2019
Können Hörgerät und Cochlea-Implantat vor geistigem Abbau im Älter schützen?

Aktuelle Erkenntnisse zum Zusammenhang Hörstörung und Demenz

Wie die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. publizierte, beobachten Forscher seit längerem, dass Menschen mit Hörstörungen im Alter überproportional häufig an einer Demenz erkranken. Noch ist unklar, welchen Anteil eine Hörstörung für sich allein an kognitiven Einbußen im Alter hat. Sollte dies der Fall sein, dann könnten ein Hörgerät oder ein Cochlea-Implantat einen wichtigen Beitrag zum „gesunden Altern“ leisten, so eine Expertin der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e.V. (DGHNO-KHC) anlässlich des Welttags des Hörens am 3. März.

Darstellung der einzelnen Geräusche im Hörfeld, von leise bis laut, tiefe bis höhe Töne 
© Univ.-Klinik für HNO-Krankheiten Wien

Das Hörvermögen nimmt etwa ab Mitte 50 ab. Mit 65 Jahren ist jeder dritte Mensch auf beiden Ohren schwerhörig. Diese Hörstörung führt dazu, dass ältere Menschen im Radio und Fernsehen nicht mehr alles mitbekommen, im Gespräch weniger gut folgen können und daher die Gesellschaft anderer meiden.

Ein unbehandelter Hörverlust führt oft zur sozialen Isolierung

„Die soziale Isolierung und die fehlenden Anregungen durch die Umwelt könnten langfristig dazu führen, dass Menschen mit Hörstörungen sich geistig nicht mehr so gut entfalten können und deshalb schneller abbauen“, berichtet Privatdozentin Dr. med. Christiane Völter von der Ruhr-Universität Bochum. Dafür gebe es Hinweise aus Kohortenstudien, in denen schwerhörige Menschen über längere Zeit beobachtet wurden.

In einer Studie zeigte sich, dass das Risiko, langfristig an einer Demenz zu erkranken, bei mittelgradigen Hörstörungen um das drei-fache und bei einer hochgradigen Schwerhörigkeit sogar um das fünf-fache erhöht war. „Obwohl es hierzu in den letzten Jahren zahlreiche Veröffentlichungen gab, ist ein abschließendes Urteil derzeit noch nicht möglich, schränkt Dr. Völter ein.

Hörstörung als Risikofaktor?

Wenn sich die Vermutung allerdings bestätigen sollte, dann könnte die Behandlung von Hörstörungen einen wichtigen Beitrag zur Vorbeugung einer Demenz im Alter leisten. „Das Hörvermögen wäre dann einer der wenigen heute bekannten Risikofaktoren für das Auftreten einer Demenz, die sich auch behandeln ließe“, sagt Dr. Völter. Und weil Hörstörungen häufig sind, könnte dies auch gesellschaftspolitisch eine Relevanz haben.

Braun: der Indikationsbereich für ein Cochlea-Implantat. Bei Hörverlusten im Bereich des braunen Feldes kann mit Hörgeräten kein Sprachverständnis mehr erzielt werden.  
© Univ.-Klinik für HNO-Krankheiten Wien

Eine Hörrehabilitation ist durch Hörgeräte und seit einigen Jahren auch durch sogenannte Cochlea-Implantate möglich. Diese Geräte, die ursprünglich für taube Kinder entwickelt wurden, nehmen den Schall über ein Mikrofon auf und stimulieren dann direkt den Hörnerven.

Dr. Völter sagt: „Auch Menschen, deren Schwerhörigkeit weit fortgeschritten ist, können mit einem Cochlea-Implantat wieder hören.“

Erste prospektive Studien deuten darauf hin, dass sich bei einem Teil der älteren Patienten einzelne neurokognitive Fähigkeiten bereits sechs Monate nach der Versorgung mit einem solchen Hörimplantat verbessern. „Für eine abschließende Beurteilung ist es jedoch noch zu früh“, sagt die Expertin: „Die bisherigen Untersuchungen wurden nur an wenigen Patienten durchgeführt. Auch fehlten bislang noch Langzeitergebnisse. Hier gelte es, die Auswertung der derzeit laufenden internationalen Studien abzuwarten.“

Rechtzeitig vorbeugen und aktiv Hörvermögen überprüfen lassen

Unabhängig davon, ob eine Hörrehabilitation die Entwicklung von Demenzerkrankungen beeinflussen kann, wirken sich Hörgeräte und Cochlea-Implantate jedoch überaus positiv auf die Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Angehörigen aus. Dies belegen Studien, aber auch die Erfahrung im klinischen Alltag, so Dr. Völter: „Dies könnte ein Grund dafür sein, dass Menschen mit einem guten Hörvermögen auch länger geistig fit bleiben“.

Im Rahmen der Aktionswochen rund um den Welttag des Hörens am 3. März bieten Hörakustiker vielzählige Angebote rund um ein besseres und langfristiges gutes Hören. Mit einem kostenlosen Hörtest erfahren Sie hier den Zustand Ihrs Gehörs und wie Sie es erhalten können. Vereinbaren Sie einfach Ihren persönlichen Termin bei einem Hörakustiker in Ihrer Nähe.


Quelle: idw-online
Titelbild: Bernstein Netzwerk Computational Neuroscience

Literatur: 
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