Sind Fernanpassungsmodelle die Hörgeräteversorgung der Zukunft?

Sind Fernanpassungsmodelle die Hörgeräteversorgung der Zukunft?

Direktvertrieb mit Fernanpassung von Hörsystemen vs. Hörgeräteversorgung im Hörgerätefachgeschäft

Bequem im Wohnzimmer sitzen und sich die Hörsysteme über App vom Hörakustiker aus der Ferne einstellen zu lassen, ist ein Trend, der sich langsam, aber stetig in der Hörgeräteversorgung einstellt.
Nahezu alle Hörgerätehersteller integrieren die Möglichkeit der Fernanpassung in ihren Hörgerätetechnologien. Doch während ortsansässige Hörakustikfachgeschäfte eine neue Serviceleistung zur parallelen Betreuung der Kunden auch außerhalb des Fachgeschäftes ergänzend anbieten, eröffnet die Möglichkeit der Fernanpassung auch neue Geschäftsmodelle zum Direktvertrieb von Hörsystemen.

Zu den wohl bekanntesten Anbietern dieser Geschäftsmodelle zählen ear.direct GmbH, MySecondEar UG und auch Hearly. Hier können Endverbrauchern/innen, ihr Hörsystem selbst auswählen, online bestellen und voreingestellt direkt nach Hause geliefert bekommen. Die restliche Feineinstellung der Hörsysteme erfolgt dann ausschließlich via App. Geben Fernanpassungsmodelle damit schon heute die Hörgeräteversorgung der Zukunft an?

Direktvertrieb von Hörsystemen: ear.direct, mysecondear, Hearly,…

Aktuelle Hörsysteme lassen sich aus der Ferne via App anpassen. Fernanpassungen können sowohl als Serviceleistung von Hörakustikfachgeschäften angeboten als auch von Direktanbietern zum Online-Verkauf von Hörgeräten.  

Das Prinzip der Direktvermarktung zielt auf eine schnelle "Hörgeräteversorgung" ab. Für den Onlineverkauf von Hörsystem werden daher in erster Linie Personen angesprochen, die ihre Hörsysteme zunächst selbst zahlen. Das Angebot möglicher Hörsysteme zur Fernanpassung lockt dabei mit scheinbar günstigen Preisen. Doch erwirbt man tatsächlich ein Schnäppchen? Und kann ein Medizinprodukt auf diesem Weg überhaupt optimal ans Ohr angepasst werden?

Telefonisch beraten wird nur, wer dies per Kontaktformular wünscht. Ansonsten gestaltet sich der Online-Weg zum Erwerb eines Hörsystems einfach: bestellen, bezahlen und Hörgeräte nach Hause geliefert bekommen und via App aus der Ferne feineinstellen lassen. Ob das Gerät dabei richtig im Ohr sitzt oder der Gehörgang mit Cerumen den Schallweg versperrt, kann aus der Ferne nicht berücksichtigt werden. Je nach Online-Anbieter sind eine begrenzte Anzahl (in unseren Beispielen: drei bis sechs) Termine zur Feinabstimmung der Hörsysteme via Fernanpassung über einen Zeitraum von sechs Jahren inkludiert. Weitere Sitzungen müssen entsprechend der jeweiligen Preisliste on top gezahlt werden. Die Frage, wieviele Termine tatsächlich notwendig sind, ist aufgrund der persönlichen Klangwahrnehmung im Vorfeld nicht vorhersehbar.

Einzige Bedingung für den Käufer ist das vorherige Zusenden eines Tonaudiogramms (Hörtests), um als Anbieter der gesetzlich reglementierten Pflicht nachzukommen, die Hörsysteme vor der Auslieferung auf die benötigte Verstärkung einzustellen. Auf eine Nachprüfung des Hörtests wird paradoxerweise verzichtet und ob die Hörgeräteeinstellung gemäß Handwerksordnung im Beisein einer/s Hörakustik-Meisters/in geschieht, ist lediglich anzunehmen. Das Risiko trägt also der Käufer.

Obgleich es mit Sonova schon einen Hersteller von Hörsystemen gibt, mit denen über die App auch ein Hörtest erfolgen kann, steckt die Versorgung mit Hörsystemen via Direktvertrieb noch in den Kinderschuhen. Ein vollwertiger Ersatz zu einer fachgerechten Hörgeräteversorgung im Fachgeschäft mit Meisterpräsenz ist es noch lange nicht.

Zum Vergleich: Hörgeräteversorgung im Hörakustikfachgeschäft

Eine Hörgeräteversorgung im Hörgerätefachgeschäft setzt auf eine persönliche Betreuung. Dabei werden sowohl gesetzlich Versicherte als auch Privatpersonen angesprochen. Zur Erfassung der Hörwünsche und des Hörbedarfs achten Hörakustiker/innen im Beratungsgespräch auch auf die Handhabungsfähigkeiten, sowie die anatomischen Gegebenheiten der Ohren, um optimale Hörsysteme zusammen mit einer akustisch sinnvollen Ankopplung ans Ohr empfehlen und umsetzen zu können.

Für das Hörakustik-Handwerk steht der Mensch und dessen fachgerechte und persönliche Betreuung im Mittelpunkt der Hörgeräteversorgung.  

Liegen Messergebnisse bereits vor, werden diese erneut überprüft. Schließlich ist das die Basis für die Hörgeräteprogrammierung. Zur Einstellung der Hörsysteme werden neben dem Ton- auch das Sprachaudiogramm genutzt. Nur so können Betroffene auch über die Erfolgsaussichten des Verstehens mit Hörsystemen informiert werden. Was ist das Ohr tatsächlich in der Lage noch verstehen zu können? Und welches Hörsystem kann das maximal mögliche Verstehen so leicht wie möglich im Alltag verwirklichen? Zentrale Fragen, die zur Beurteilung der Hörsysteme im Alltag entscheidend sein können.

Im Austausch mit gesetzlichen Krankenkassen und HNO-Ärzten ermöglichen Hörakustikfachgeschäfte eine ganzheitliche und nachhaltige Hörgeräteversorgung inkl. dem Erhalt des gesetzlich geregelten Festbetrags als Krankenkassenzuschuss für Hörsysteme. Betroffene haben zudem die Möglichkeit mehrere geeignete Hörgeräte vergleichend zu testen und sich anhand ihres subjektiven Empfindens für die optimale Hörgeräteversorgung zu entscheiden. Erst dann erfolgt die Kaufentscheidung.

Anders als bei einer Brillenversorgung, kann die Anpassung von Hörgeräten an das hörentwöhnte Ohr etwas Zeit in Anspruch nehmen. Oftmals sind hier mehrere Termine zur Feinoptimierung notwendig, bis die eigene Wohlfühleinstellung gefunden ist. Hörakustiker/innen nehmen sich die Zeit dafür und sind auch nach dem Kauf mit nachhaltigen Serviceleistungen für Ihre Kunden da.

Eine davon ist die Möglichkeit der ergänzenden Fernanpassung, auch Remote Care genannt, um aufbauend auf dem persönlichen Gespräch mögliche Hörgeräteeinstellungen im Bedarfsfall aus der Ferne vornehmen zu können. Oder wohlwissend der persönlichen Kundenbedürfnisse, Tipps zur Handhabung übermitteln zu können.

Augen auf beim Hörgeräte-Preisvergleich

Zugegeben, es mag verlockend klingen Hörgeräte einfach online zu bestellen und die Einstellung der Hörgeräte von einem Hörakustiker relativ anonymisiert aus der Ferne via App vornehmen zu lassen. Und auch der angebotene Preis scheint auf den ersten Blick dabei um einiges günstiger zu sein als im örtlichen Hörakustikfachgeschäft mit persönlicher Betreuung. Statt das Hörsystem als Medizinprodukt zu betrachten, dass einer fachgerechten, individuellen Anpassung bedarf, wird durch den Online-Handel vielmehr das Bild eines Consumer-Electronic-Geräts vermittelt. Ein Argument, dass dem Handwerk der Hörakustik nicht annähernd gerecht wird.

Es empfiehlt sich daher vorab für sich selbst zu prüfen, welchen Anspruch der Betreuung und ganzheitlichen Versorgung man sich wünscht und wie sich diese in den angebotenen Leistungen von Online-Direktvertrieb (siehe AGB´s) ohne persönlichen Kontakt im Vergleich zur persönlichen Betreuung und Versorgung im Hörgerätefachgeschäft widerspiegeln. Am Ende zählt die eigene Zufriedenheit.


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