Das Opn von Oticon – viel vor und viel dahinter.

Veröffentlicht am 30.01.2018

Mit Dr. Birgitta Gabriel von Oticon im Gespräch

Kaum ein Produkt hat in den letzten anderthalb Jahren für so viel Furore gesorgt wie das OpnTM von Oticon. Im Frühjahr 2016 wurde es in der Premium-Preisklasse 1 erstmalig vorstellt. Im Oktober kamen schließlich die 2er und 3er Leistungsklassen hinzu. Während vieler Gespräche mit unseren Kunden war das Opn Thema. Ich habe einfach mal nachgefragt und dabei häufig in begeisterte Augen geschaut, ja sogar hin und wieder hinter mit Opn versorgte Ohren einiger Hörakustiker.

Man wills ja schließlich selbst mal erleben. Und da Opn einen vollkommen neuartigen Ansatz im Bereich der Sprach- und Umgebungswahrnehmung verfolgt, und die guten Gespräche darüber (bis heute!) anhalten, entstand der Wunsch, mehr über das Opn zu erfahren.

„Früher war es irgendwie kälter. Wir hatten mehr Schnee, und wenn heute in Hamburg eine Schnellflocke fällt, bricht gleich ein Verkehrschaos aus“. Heinz ist einer, der es wissen muss. Und mit seinen schätzungsweisen Ende 60 erklärt er mir auf dem Weg vom Bahnhof Hamburg-Altona zur Oticon Deutschlandzentrale, wie erfolgreich er mit der MyTaxi-App seine Touren planen kann und so mehr Fahrten hat - schon seit Bestehen der App. Und auch das höre ich nicht zum ersten Mal.

Dr. Birgitta Gabriel Oticon

Dr. Birgitta Gabriel, Produktmanagerin und Audiologin bei Oticon Deutschland

Das Interview

Wir trafen Dr. Birgitta Gabriel, Produktmanagerin und Audiologin bei Oticon Deutschland, um fernab vom Marketingmaterial mehr über das Opn und das Konzept dahinter zu erfahren. Also dann, ran an die Fragen:

Der Begriff Höranstrengung taucht ja häufig im Zusammenhang mit dem Oticon Opn auf. Was ist eigentlich Höranstrengung, wie äußert sie sich beim Menschen und wie reduziert das Opn diesen nennen wir ihn mal Hörstress?

B.G.: Höranstrengung beruht darauf, dass eine Person mit einer Hörminderung weniger Informationen im Gehirn zur Verfügung hat, um die Bedeutung des Gesagten auswerten zu können. Dieses Phänomen lässt sich in der Diagnostik, zum Beispiel anhand von EEG Messungen, also der elektrischen Aktivität an der Kopfoberfläche, oder mit der Pupillometrie nachweisen. Die Pupillengröße zeigt an, wie gestresst oder angestrengt wir sind.

Es kommen bei Menschen mit einer Hörminderung also viel weniger Signale im auditorischen Kortex an. Das Gehirn schafft es, über weite Strecken diese fehlenden Informationen auszugleichen und zu kompensieren. Aber natürlich muss man sich dabei mehr anstrengen. Auch wir Normalhörende finden es beispielsweise anstrengend, wenn wir Vorträgen in einer Fremdsprache folgen oder wir uns abends in einer Kneipe mit vielen Nebengeräuschen unterhalten wollen. Wir kommen zwar zurecht, müssen uns aber anstrengen – während Normalhörende in akustisch einfachen Situationen mühelos verstehen. Wir brauchen also mehr „Gehirnpower“ um zu verstehen, und genau das äußert sich auch bei Schwerhörigen durch die erhöhte Konzentration. Das ist im Laufe des Tages anstrengend und erschöpfend.

Die Herausforderung besteht allerdings darin, dass Schwerhörigen und deren Angehörigen der Zusammenhang zwischen schlechtem Hören und Erschöpfung häufig nicht bewusst ist. Also sieht der Betroffene auch nicht den möglichen Nutzen oder entwickelt das Verlangen nach einer Lösung. Deshalb sollten wir Betroffene darauf aufmerksam machen, warum sie sich schneller erschöpft oder nachmittags schon müde fühlen, Kopfschmerzen haben oder sich abends einfach nicht mehr aufraffen können, etwas zu unternehmen. Man sieht den Menschen häufig schon am konzentrierten und fokussierten Gesichtsausdruck an wie sehr sie sich strapazieren müssen, um zu verstehen. Und als Hörakustiker erlebt man oft auch, wie sich ein Gesicht regelrecht entspannt und strahlt, wenn man diesen Menschen Hörgeräte aufsetzt.

Die Höranstrengung ist mit dem Opn im Vergleich zur Situation ohne Hörgeräte beziehungsweise auch im Vergleich mit anderen Hörgeräten deutlich geringer.

Es geht also darum, ein optimales Setup für das Sprachverstehen zu schaffen und das gerade dann, wenn die Situation akustisch schwierig ist, also sich mehrere Personen am Gespräch beteiligen und vielfältige Geräusche und Klänge in der Umgebung vorhanden sind. Wir wollen die Menschen beim Hören und Verstehen entlasten. Die Höranstrengung ist mit dem Opn im Vergleich zur Situation ohne Hörgeräte beziehungsweise auch im Vergleich mit anderen Hörgeräten deutlich geringer. Und das ist ein Effekt, der zum Wohlbefinden beiträgt

Andere Hörgeräte? Geringer? Darf ich da mal nachfragen?

B.G.: Verglichen haben wir die ‚Höranstrengung‘ von Opn mit dem Alta2 Pro, also unserem Vorgänger Premium-System. Einem sehr guten Gerät also. Das Opn verringert die Höranstrengung im Vergleich zum Alta2 Pro um 20 Prozent.

20 Prozent? Das ist doch mal eine Hausnummer!

Dr. Birgitta Gabriel Oticon

Das Konzept der "Gesprächsinseln": Sprache wird unabhängig von der Richtung übertragen. 

B.G.: Ja, gerade wenn man sich vor Augen führt, dass unser Gehirn eine limitierte Leistungskapazität hat. Je mehr Hörsysteme das Gehirn also entlasten, desto mehr profitieren andere wichtige Gehirn-Funktionen, wie zum Beispiel die Merkfähigkeit oder die Orientierungsfähigkeit. Die Forschung zeigt Zusammenhänge zwischen einer unbehandelten Hörminderung und zum Beispiel dem beschleunigtem Abbau geistiger Fähigkeiten im Alter, schnellerer Ermüdung, einer geringeren Merkfähigkeit, also Vergesslichkeit, sowie Depressionen.

Doch diese Zusammenhänge sind den Betroffenen häufig nicht bewusst! Unsere Aufgabe ist, auf diese weitreichenden Auswirkungen hinzuweisen und in der Argumentation das wichtige Thema Sprachverstehen um diese Thematiken zu ergänzen.

Aussagen wie „Ich höre doch noch gut“ oder „Das, was ich hören will, höre ich doch noch“ sollten wir hinterfragen: in welchen Situationen ist das so? In welchen Situationen ist es aber auch anders? Wie steht es um die räumliche Orientierung? Wie sieht es aus mit der Energie im Laufe des Tages? Kommt es vor, dass häufiger mal etwas vergessen wird?

Der Oticon Velox™ Chip geht ja mit dem Opn einen komplett anderen Weg bei der Sprachverarbeitung – vom bewährten direktionalen hin zu einer Art omnidirektionalen Sprachverstehen. Einige haben gezweifelt, dass dieses Konzept aufgeht. Das Opn schlug im Markt ein wie die sprichwörtliche Bombe. Was war aus Ihrer Sicht ausschlaggebend?

B.G.: Oticon Opn arbeitet nicht omnidirektional. Omnidirektional heißt ja, Schall kommt aus allen Richtungen hinein, ohne dass es eine Gewichtung gibt. ABER: Opn gewichtet sehr wohl, zum Beispiel Sprache im Verhältnis zu anderen Geräuschen oder Signale, die näher dran oder weiter weg sind.

Klassische Richtmikrofone richten sich nach vorne aus, das heißt, alles andere darum wird abgesenkt. So arbeitet unser natürliches Gehör aber nicht. Was wir natürlich erleben, ist anders: wir nehmen alles um uns herum wahr und wir haben die Möglichkeit, selektiv auf das zu hören, worauf wir uns konzentrieren wollen. Das ist die Leistung unseres Gehirns.

Bei Opn ist es ähnlich. Sprache wird unabhängig von der Richtung übertragen. Opn schafft „Gesprächsinseln“ (siehe Grafik). Und das ist anders als die Methode, Sprache lediglich von vorn anzubieten. Bei Opn werden andere Geräusche und Klänge sehr wohl abgesenkt. Opn unterscheidet lokalisierbare Klänge und diffusen Lärm. Lokalisierbar sind Signalquellen, auf die wir mit geschlossenen Augen zeigen könnten. Diffuser Lärm, also zum Beispiel tieftöniges Rauschen vom Straßenlärm lässt sich hingegen nicht lokalisieren.

Das Opn senkt lokalisierbare Klänge entsprechend ihrer Entfernung ab. Diffuser Lärm, also eine Art Lärmteppich, wird hörbar reduziert. Das Klangbild, das der Opn-Nutzer dann bekommt, ist „sortiert“ und gleichzeitig natürlich.

Oticon Opn

Dr. Birgitta Gabriel präsentiert die "Klangscheibe".

Oticon Opn

Anschaulich wird einem der Vorteil von Opn schnell klar.

Wir erhalten immer wieder Rückmeldungen von Trägern, die in ihrem Kerninhalt ähnlich sind. Ein Beispiel: ‚Ich nehme den Bus war, doch er stört mich nicht‘ oder ‚Ein Gespräch in einem Straßencafé klingt wieder nach einem Gespräch im Straßencafé‘ ‚Ich nehme die Kulisse wahr, aber sie stört mich nicht‘.

Das Erleben einer akustischen Umgebung macht schließlich die Kulisse aus. Denken wir beispielsweise an Konzerte, ein Fußballspiel im Stadion oder ein Spaziergang durch einen Park oder am Strand. Dass das Opn beides kann, also Gespräche – auch mit mehreren Personen – verständlich machen und gleichzeitig für eine natürliche Kulisse sorgen, ist aus meiner Sicht entscheidend für die extrem gute Resonanz. Nutzer berichten uns, dass sie hören wie früher. In keiner Werbung würden wir eine solche Aussage treffen. Doch das von Kunden in dieser Art zu lesen, ist für uns die größte Auszeichnung.

Mal eine Verständnisfrage: Wie schafft es mein Kopf, sich auf das zu konzentrieren, was ich hören möchte, wenn Oticon Opn das Verstehen aus allen Richtungen ermöglicht? Sie dürfen das Wort „kognitiv“ bei der Antwort nicht benutzen …

B.G.: Opn arbeitet ja mit BrainHearingTM. Und um es deutlich zu sagen: BrainHearing ist kein Marketing-Gag! Die Idee, das Gehirn bei seiner natürlichen Arbeitsweise zu unterstützen, mündet bei Oticon in einer Vielzahl von Ansätzen und Technologien. Unterm Strich helfen wir also dem Gehirn beim selektiven Hören. Die Geräuschkulisse wird sortiert und gewichtet.

Wir wissen, dass Menschen mit einer Hörminderung diese Fähigkeiten nicht mehr in dieser Form haben. Also das, was durch das Opn beim Gehirn ankommt, ist quasi pointiert. Das gesamte Klangbild ist natürlich aufbereitet. Das Gehirn hat von Natur aus die Fähigkeit, selbst zu entscheiden, worauf wir am Ende unsere Aufmerksamkeit richten. Und wir öffnen genau diese Welt für die Opn-Nutzer.

Wenn ich mich dann aber nun doch mehr für den vorbeifahrenden Lamborghini interessiere und nicht für das Gespräch?

B.G.: Bei der Anpassung kann man diese Gewichtung in der Software einstellen. Sicher nicht auf dieses Extrem. Für viele ist ein lautes Auto störend. Und es gibt natürlich auch Kunden, die wollen mehr von der Umgebung mitbekommen, andere weniger. Die erlebte Klangkulisse ist also individualisierbar. Dennoch bleibt das Gespräch, und davon geht ja auch Dein Gesprächspartner aus (lacht), wichtiger als ein vorbeifahrendes Auto.

Wir kennen Situationen, in denen man dicht an dicht im Restaurant sitzt. Ich als Normalhörender kann dann entscheiden, ob ich mit einem halben Ohr am Nachbartisch mithören möchte. Das ist ja auch eine natürliche Fähigkeit.

Dr. Birgitta Gabriel Oticon

Auch dieser Vergleich soll verdeutlichen: das natürliche Gehör ist anders als der klassische Ansatz des Richtungshörens

B.G.: Eine häufige Rückmeldung ist, dass sich Opn-Nutzer wieder regelrecht in Gespräche einklinken können. Ohne den Kopf in die Richtung drehen zu müssen, kann man sich quasi gedanklich in eine andere Richtung beamen, nämlich zum Gespräch nebenan. Denn die Sprache dort ist ja auch nah, also natürlich betrachtet nicht unwichtig. Diese freie Wahl ist entscheidend. Das geht mit einem traditionellen Richtmikrofon eben nicht.

Mit diesen Voraussetzungen müsste das Opn dann ja eigentlich auch für Tinnitus-Therapie besonders geeignet sein.

B.G.: Richtig und ganz besonders! Für Menschen mit Tinnitus gibt es ja zwei Stresssituationen. Die eine ist eine akustisch eher ruhige Umgebung, weil Betroffene da ihren Tinnitus dominanter wahrnehmen. Und die andere ist ein Gespräch in einer geräuschvollen Umgebung, denn dort wettstreitet der Tinnitus mit der Aufgabe, verstehen zu müssen und zu wollen. Was macht Opn?

In einer stillen Situation bietet Opn über die Klänge, die vom Hörsystem selbst erzeugt werden können, zum Beispiel Meeresrauschen, die Möglichkeit die Tinnitus-Wahrnehmung positiv zu verändern. In einer eher ruhigeren Situation gibt es aufgrund der gewichteten 360° Übertragung mehr Kulisse, die wiederum die Wahrnehmung des Tinnitus in den Hintergrund drängt.

In einer lauten Umgebung, zum Beispiel im Café erschwert Tinnitus das Verstehen und erhöht den Stress. Betroffene müssen extra mentale Energie aufbringen, um den Tinnitus zu ignorieren und sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Klassischerweise raten Tinnitus-Experten im Café, auf omnidirektionalen Modus und wenig Lärmreduktion zu stellen, um den Tinnitus zu maskieren. Im Widerspruch dazu wünschen sich Hörsysteme-Nutzer aber weniger Umgebungslärm und die Möglichkeit, Sprache zu verstehen. Das Opn löst dieses Dilemma, es bietet die 360° Klangkulisse, senkt störenden Lärm ab, bringt Sprache in den Vordergrund und reduziert die Höranstrengung.

Die gesamte akustische Stimulation wird angenehm angeboten und weil die Höranstrengung reduziert wird, haben Opn-Nutzer mehr mentale Ressourcen, den Tinnitus auszublenden und sich auf Sprache zu konzentrieren. So der praktische Ansatz. Demnächst können wir noch mehr dazu erzählen, denn es gibt neue Studien zum Thema Opn bei Tinnitus. Letztere zeigen, dass Opn wie erwartet aufgrund seiner Charakteristik besonders gut bei Tinnitus-Problematik geeignet ist.

Frau Gabriel, ich bedanke mich für diesen exklusiven Einblick ...

.... und mache mich wieder auf den Heimweig.

Mit dem Taxi. Ich stehe also wieder vor der Wahl. Bestellen per Telefon oder App. Beide Wege führen zum Ziel - mit einem unterschiedlichen Ansatz. Wenn man sich bisher immer über den Nutzen einer klassischen Sprachfokussierung, so flexibel und steuerbar die Lösungen auch sein mögen, beschäftigt hat, tut doch ein solcher, anderer Ansatz mal gut. Schön, wenn er dann so gut für alle Bedürfnisse funktioniert. Wie eben auch das Opn von Oticon.


Zu den Produkten: Oticon Opn 1 und Oticon Opn 3


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