Medikament gegen Schwerhörigkeit zieht Investoren an

Veröffentlicht am 18.05.2018
Medikament gegen Schwerhörigkeit zieht Investoren an

Tübinger Unternehmen erhält 10 Mio. EUR für Medikamentenforschung

Das privat geführte Biotech-Unternehmen Acousia Therapeutics GmbH in Tübingen entwickelt Medikamentenkandidaten zur Behandlung von Innenohrschwerhörigkeiten. Bereits 2016 investierte der Boehringer Ingelheim Venture Fund zusammen mit der weltweit größten Förderbank KfW und der italienischen Forschungsorganisation Axxam S.p.A insgesamt 2,5 Mio. EUR in die vorklinische Entwicklung des Wirkstoffkandidaten. In dieser Phase durchlaufen potentielle Medikamentenkandidaten ein rigoroses und umfassendes Prüfprogramm, dass vor allem die toxikologischen Auswirkungen untersucht. Nur Wirkstoffkandidaten, die alle Tests positiv abgeschlossen haben werden für die nächste Stufe auf dem Weg zur Zulassung als Medikament*, am Menschen erprobt. Für diese Phase erhielt das Tübinger Unternehmen in ihrer zweiten Finanzierungsrunde 10 Mio. EUR von den drei hinzukommenden Investoren LBBW Venture Capital, Creathor Ventures und Bregua Corporation.

Medikamentenkandidat ACOU85 am weitesten fortgeschritten 

Innenaufbau des Hörorgans mit Ihren Haarsinneszellen und Stützzellen 
© Uni Giessen

Nach Angaben von Acousia ist der Wirkstoffkandidat ACOU85 am weitesten in seiner Entwicklung fortgeschritten. Dieser wurde auf Basis des kleinen Moleküls Otopotin entwickelt. Otopotin wirkt an den Stützzellen der Haarzellen und kehrt ihre Wirkung in potentielle Vorläuferzellen um. Diese wiederum vermehren sich in vitro in Haarzellen und Stützzellen und nehmen ihren ursprünglichen Zustand wieder an.

Bislang konnten Innenohrschwerhörigkeiten nur mit Hörsystemen kompensiert werden. Erhält der Wirkstoffkandidat ACOU85 jedoch die Zulassung als Medikament, könnten Innenohrschwerhörigkeiten bald heilbar sein. In erster Linie soll der Medikamentenkandidat zur klinischen Anwendung in der Otoprotektion dienen und zur Funktionsverbesserung der Haarzellen eingesetzt werden. Selbst Tinnitus-Betroffene können damit auf Rehabilitierung hoffen.

Ähnliches Medikament auch in den USA

Auch Forscher der Harvard University und der University of South California haben ein Medikament entdeckt, dass zerstörte Haarsinneszellen wiederbeleben kann. Der Zwei-Komponenten-Mix besteht dabei aus Vitamin P (7,8-Dihydroxyflavon) und einem Präparat aus der Gruppe Bisphosphonate, die in der Regel bei Knochen- und Calcium-Stoffwechselkrankheiten zum Einsatz kommen. Während Vitamin P das Absterben bewegungssteuernder Nervenzellen verhindert, sorgt die zweite Komponente für das gezielte Ansteuern des Wirkungsortes in der Cochlea. Bislang fanden dabei nur Laboruntersuchungen mit Gewebeproben von Tieren statt. Dennoch sind die Forscher zuversichtlich, dass diese Methode auch an echten Ohren funktioniert. "Wir sagen nicht, dass unser Präparat ein Heilmittel für Schwerhörigkeit ist", erläutert McKenna, USC-Forscher und Entwickler der neuen Therapie. "Doch wir konnten zeigen, dass unsere Herangehensweise äußerst vielversprechend ist."

Hören neu erlernen mit Hörtraining und Audiotherapie

Die Hoffnung auf ein Medikament gegen Schwerhörigkeit dürfte viele Betroffene zuversichtlich stimmen. Jedoch sollte die Erwartungshaltung einer sofortigen Rehabilitierung nach Einnahme des Medikamentes realistisch und nach Rücksprache mit dem betreuenden Facharzt eingeschätzt werden. Eine lange Entwöhnung an das Hören bedarf in der Regel auch einer persönlich-angepassten Gewöhnung an das Hören. Hörakustiker bieten dazu individuell abgestimmte Hörtrainings und Audiotherapien an, die beim wieder erlernen des neuen Hörens unterstützen.

* Quelle: Arzneimittel-Forschung: So entsteht ein Medikament.

Interessantes zum Weiterlesen: