Im-Ohr-Hörgeräte auf dem Weg zum Hearable

Im-Ohr-Hörgeräte auf dem Weg zum Hearable

Liest man sich die technologischen Features von modernen Hörgeräten als Normalhörender durch, wünscht man sich beinahe selbst eines. Was einmal die Funktion einer Prothese hatte, kann heute deutlich mehr, als ein kaputtes Gehör zu unterstützen. Und ganz nebenbei funktioniert mit dem heutigen Stand der Technik auch das Hören deutlich besser als damals. Manche Studien bestätigen sogar, dass Hörgeräteträger in Partysituationen Gesprächen besser folgen können als Normalhörende.¹ 


High Tech Hörsysteme

Augenscheinlich hat der Status von Hörgeräten als lästige Notwendigkeit ausgedient. Wer nun ein Hörgerät trägt, ist im Besitz eines High Tech-Geräts, das das Leben um vielerlei Hinsicht bereichern kann. Kein Grund, sich für seinen Hörverlust zu schämen, zumal auch das in vielen Köpfen noch vorherrschende Bild des unästhetischen Plastikapparats schon lange nicht mehr zeitgemäß ist. Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Stigma bekämpfen steht seit Jahrzehnten auf der Agenda von Herstellern und Hörakustiker. Und auch heute noch wird ständig versucht, sich sowohl optisch als auch funktionell dem Lebensalltag der Nutzer anzunähern.

Hörgeräte mit Lifestyle-Funktionen

Per Fingertipp können Nutzer von Phonak Paradise Hörgeräten Anrufe entgegennehmen.

Quelle: Phonak

Besonders im vergangenen Jahr macht sich ein Trend zunehmend bemerkbar, der die Weichen für die Hörgeräte-Zukunft neu stellen könnte: Das Zusammenrücken von Hörgeräten und Bluetooth Earbuds.

Angefangen bei smarten Features wie wiederaufladbaren Akkus und Bluetooth-Konnektivität nähern sich Hörgeräten schon seit einiger Zeit Lifestyleprodukten an. Das im letzten Jahr eingeführte ASHA-Bluetooth-Protokoll ermöglichte Bluetooth-Konnektivität schließlich auch für Anroid-Smartphones; bis dahin waren die meisten Hörgeräte „Made for iPhone“. Eine Ausnahme machte einzig der Hersteller Phonak, der noch ein altes Bluetooth-Protokoll verwendete, das zwar mehr Strom verbraucht, dafür aber mit jedem bluetoothfähigen Gerät kompatibel ist.

Phonak war es auch, der mit der Einführung von Phonak Paradise eine praktische Funktion integrierte, die man vorher nur von Bluetooth Earbuds kannte: Die Tap-Funktion ermöglicht Umherschalten der einzelnen Programme per Fingertipp auf das Hörgerät.

Hörgerät goes Hearable: Smarte Im-Ohr-Hörsysteme

Im Ohr sieht Signia Active aus wie ein normaler Bluetooth Earbud. Im Inneren steckt aber High-Tech-Audiologie

Quelle: Signia

Erste Anfänge, IdOs in Richtung Hearable zu gestalten, machte ebenfalls Phonak: Die große Herausforderung war es, Bluetooth in die kleinen Im-Ohr-Hörgeräte zu bringen. Um das zu ermöglichen, nahm man schließlich auch eine größere Bauform in Kauf – und wenn schon sichtbar, dann gleich in schwarz. Diesem Beispiel folgte Audio Service mit Ida BT und schließlich nahezu alle weiteren Hersteller, die Im-Ohr-Hörgeräte im Sortiment haben.

Der Hersteller Signia ging Anfang dieses Jahres einen bemerkenswerten Schritt: Die völlig neue Bauform von Signia Active ist zwar per Definition „Im-Ohr“, erinnert aber auf den ersten Blick tatsächlich mehr an einen Bluetooth Kopfhörer als an ein Hörgerät. Neben der Form sind es aber auch Funktionen wie Bluetooth Konnektivität zum Smartphone oder Tablet, oder auch wiederaufladbare Akkus, die Hörgerät und Earbud hier näher zusammenrücken lassen.

Das vor kurzem ebenfalls von Signia vorgestellte Insio AX ist zwar optisch ein klassisches Im-Ohr-Hörgerät, verfügt aber über eine bis dato einzigartige Magnetresonanzladetechnik, die erheblich weniger Platz benötigt und zusätzlich das Hörgerät induktiv ladbar macht. Die wenigen vergleichbaren Im-Ohr-Hörgeräte mit Akkus – wie beispielsweise das Livio Edge AI von Starkey – mussten deutlich größer konzipiert werden, um wiederaufladbar sein zu können.

Bluetooth-Earbuds mit Hörgeräte-Funktionen

Auch der Kopfhörerhersteller GN Jabra hat jetzt Hörgeräte im Sortiment, die so gar nicht nach Hörgeräten aussehen. Noch dieses Jahr soll GN Jabra Enhance Plus auf den Markt kommen.

Quelle: GN Jabra

Während sich Hörgerätehersteller auf der einen Seite immer mehr von den Earbud-Herstellern abschauen, fangen diese auf der anderen Seite nun an, audiologische Features einzubinden. Apple hat zum Beispiel mit seinem iOS 15 Update vor kurzem einige Funktionen für die AirPods integriert, die das Hören für Schwerhörige erleichtern sollen.

Aber es geht noch mehr: Hersteller wie Nuheara oder Olive bieten mittlerweile Bluetooth Kopfhörer an, die gezielt Sprache verstärken und deshalb in den USA bereits als Hörgerät vertrieben werden. Die jüngsten Entwicklungen kommen aus dem Hause GN. Der Konzern ist sowohl bekannt für die beliebte Hörgerätemarke ReSound als auch für die Kopfhörermarke Jabra. Dort war es nur eine Frage der Zeit, bis beides kombiniert werden würde: Jabra Enhance Plus nutzt das Hörgeräte-KnowHow von ReSound und steckt es in ein Bluetooth-Earbud – Optisch nicht von einem solchen zu unterscheiden, ist es für bis zu mittlere Hörverluste geeignet. Dass ähnliches auch aus dem Hause Sonova (Phonak) kommen könnte, zeigt die Übernahme der Audio-Firma Sennheiser, die ebenfalls dieses Jahr stattfand.

Langer Rede kurzer Sinn – Was soll uns das alles nun sagen? All diese Entwicklungen zeigen vor allem eins: Hörgesundheit ist kein „uncooles“ Tabuthema mehr, das nur ältere Leute betrifft – Und das scheint langsam, aber sicher auch in die Gesellschaft zu sickern. Bis ein Hörgerät so normal ist wie eine Brille, ist nur eine Frage der Zeit. Lohnen tut es sich jedoch schon heute allemal. Also: Warum warten? Suchen Sie sich einen Hörakustiker in Ihrer Nähe und profitieren Sie von der zurückgewonnenen Lebensqualität – Egal ob Sie sich für Earbud-Look, Im-Ohr-Diskretion oder ein unauffälliges Hinter-dem-Ohr-Hörgerät entscheiden.


¹ Jensen, Pischel, Taylor, Schulte: Performance of Signia AX in At-Home Listening Situations (Signia White Paper, 2021)


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